Aus gegebenem Anlass ein Hinweis auf ein bedeutendes Dokument aus dem Jahr 2007von Friedrich Wolfram mit einer kurzen Vorbemerkung:

In einem Rückblick auf 60 Jahre Konzil von A. Brüggemann heißt es: „Die Neuorientierung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) habe das Gesicht der Kirche verändert und die Fenster zur Welt weit aufgestoßen.“ Papst Franziskus sorgt mit seinen oftmals unkonventionellen rhetorischen Impulsen immer wieder für Überraschungen. Gleichzeitig sind die Missbrauchsdiskussion, aber auch die erstaunlich widersprüchlichen Diskussionsbeiträge bezüglich der dringenden Reformmaßnahmen für das Erscheinungsbild der Kirche nicht gerade förderlich, sondern sehr irritierend und kontraproduktiv.

 

 

Angesichts dessen ist es sicher bemerkenswert, dass der Berliner Historiker H. Schilling in einem Ausblick auf die Zukunft der Kirche feststellt: „Wir brauchen weit mehr Geschichte, als es heute in der Bildung der nächsten Generation üblich ist.“ Und unter dem Stichwort „Gründerin der Moderne“ führt er aus: „Um zu begreifen, was das Christentum für unsere Welt jetzt und in Zukunft bedeutet, muss man wissen, was das Christentum geleistet hat.“

In „Der Sonntag“ vom 29. 1. 2023 wird der neue Bischofsvikar für des Südvikariat, Josef Grünwidl, vorgestellt und dabei u.a. festgestellt: „Ganz zentral ist für ihn die Kommunikation mit allen im Vikariat.“ Eine recht markante Aussage von Grünwidl ist überdies: „Und schließlich möchte ich in einer Zeit des Umbruchs nicht den Untergang verwalten, sondern den Übergang gestalten. Mein Anliegen ist es, alle zu ermutigen, darauf zu vertrauen. dass Gott mit uns geht.“

In dem Kurzreferat von dem langjährigen Sekretär Friedrich Wolfram „60 Jahre Katholischer Akademikerverband“ aus dem Jahr 2007 gibt es ein wertvolles Dokument, in welchem eine holzschnittartige Übersicht zur Entstehung und der reichen Wirkungsgeschichte des KAV und insbesondere auch der wichtigsten Akteure geboten wird (mit peniblen Quellenangaben). Die maßgebliche spirituelle Motivation dafür zeigt ein Zitat von Msgr. Otto Mauer aus dem Jahr 1965 – möglicherweise direkt inspiriert vom Konzil: „Die Zukunft der österreichischen Kirche wird nicht vom internen Gespräch der Katholiken abhängen […], sondern von der Verbindung eines missionarischen Enthusiasmus mit der spirituellen Kraft, den ausgesprochenen und verborgenen Leiden der Zeit Antwort bieten zu können.“

Das Dokument ist, wie ich meine, u.a. auch deshalb von Bedeutung, weil es zeigt, dass es in der österreichischen Kirche in der Zeit nach dem Konzil eine fruchtbare Entwicklung bis hin zur missglückten Nachfolge von Kard. König gab; es ist daher keineswegs richtig, die Zeit nach dem Konzil in Österreich einfach als Zeit einer Kirchenkrise zu sehen, wie das leider fallweise zutrifft.

Theodor Quendler, August 2023

 

Friedrich Wolfram                                          (Kurzreferat, 7.12.2007)

 

60 Jahre Katholischer Akademikerverband

Einen Rückblick sehe ich so: 1. in Zusammenhang mit dem Bild vom Wanderer, der sich nicht sicher ist, wie es weitergeht, der zweifelt, ob die Richtung stimmt; der stehen bleibt und zurückschaut, um eine Perspektive für die Fortsetzung des Wegs zu gewinnen. Es geht nicht um das Feiern des Gewesenen, sondern ganz pragmatisch darum: Wer nicht vorher gezweifelt hat, kann die Frage nach dem richtigen Weg, die „Aporia“ nicht beantworten, sagt Aristoteles.

Rückblick sehe ich 2. auch in Zusammenhang mit der „anamnetischen Kultur“, für die sich J.B. Metz ausspricht. Dabei geht es um Leidensgedächtnis.[1] Der KAV ist entstanden aus einem starken Leidensdruck, aus dem Leiden der Generationen vor uns, die z.T. schon den 1. Weltkrieg erlebt haben, dann die Wirrsal der Zwischenkriegszeit, den Haß des Bürgerkriegs, dann den 2. Weltkrieg und die Katastrophen von Rassenwahn und Totalitarismus. Der KAV ist zwar formell 1947 gegründet worden, aber er ist entstanden im 2. Weltkrieg; durch Menschen, die an Erneuerung geglaubt haben.[2]

In den Kreisen des KAV ist oft vom Kairós, dem rechten Augenblick, die Rede gewesen. „Woran ist der Kairós erkennbar?“ fragt Karl Strobl in seinen Notizen. Seine Antwort: „Die Not meldet sich an und fordert den Menschen heraus zur Stellungnahme und zur Tätigkeit.“

Und Otto Mauer sagte 1965:

Die Zukunft der österreichischen Kirche wird nicht vom internen Gespräch der Katholiken abhängen (so sehr auch dieses in vielen Punkten noch aussteht), sondern von der Verbindung eines missionarischen Enthusiasmus mit der spirituellen Kraft, den ausgesprochenen und verborgenen geistigen Leiden der Zeit Antwort bieten zu können.“  

Rückblick ist 3. auch ein Bedürfnis. Wir erinnern uns gerne an all das Gelungene, Bleibende, Schöne. Schließlich ist das größte Vergnügen der menschlichen Seele – wie Robert Musil sagt – die Wiederholung.

Aber: In ein paar Minuten kann ich nicht 60 Jahre rekapitulieren, sondern nur versuchen, Hinweise zu geben, Ihre eigene Erinnerung anzuregen.. Auch weil ich nur einen Teil selbst miterlebt habe, frage ich einfach: Welche Quellen stehen uns für eine Rückschau zur Verfügung? – Meine persönliche Quellensammlung sieht so aus:

1. Das Buch „Aufbau im Widerstand“, hrsg. v. Prälat Karl Rudolf [3]. Darin das wichtige Kapitel, das Otto Mauer verfaßt hat, über die höhere Bildungsarbeit während der Kriegsjahre. Das war die Experimentierphase. Ein wichtiger Schwerpunkt der Laienbildung im Krieg bestand in der Auseinandersetzung mit Literatur; theologische, aber auch profane Literatur. (Dasselbe schreibt Karl Strobl über den Anfang der Hochschulgemeinde). Es war im Grunde ein Kampf gegen das Illiteratentum im österreichischen Katholizismus.[4]

2. Periodica: Die Zeitschrift „Wort und Wahrheit“. Nach einer Ära der Lüge sollte der Wahrheit eine Bresche geschlagen werden. Es ist gleichsam das Tagebuch über ein Vierteljahrhundert geistiger Auseinandersetzung. Die berühmten 3-Sterne-Artikel, in denen die Zeit gedeutet wurde, dokumentieren ein äußerst fruchtbares Zusammenwirken zwischen den bekannten Priesterpersönlichkeiten und Laien, wie dem langjährigen Schriftleiter Otto Schulmeister. Die Zeitschrift gab es bis zum Tod Mauers 1973. Seither ist da eine Lücke. (Gerechterweise muß man aber dazu sagen, was wir heute an der „Furche“ haben; oder an dem unter der Ägide von Heinrich Schnuderl erscheinenden „Denken + Glauben“, an einzelnen Journalistenpersönlichkeiten, die in verschiedenen Medien regelmäßig als Christen Flagge zeigen.).

Innerhalb des KAV ist eine Hauptquelle die Zeitschrift „actio catholica“, immer von den besten Köpfen des Verbands redigiert. Seit 2001 unter dem Titel „Quart“, deren Zielpublikum bewußt über den Mitgliederkreis hinausgeht, am öffentlichen Diskurs teilnimmt. Ich greife einen Artikel aus 1/1983 heraus: Egon Kapellari schrieb über „Diakonie der Vernunft“. Da steht der Satz:  Akademische Bildung und Intellektualität, lange Jahre im Brennpunkt gesellschaftlichen und kirchlichen Interesses, umworben und umstritten, sind in Politik und Kirche merkbar „ortlos“ geworden. Umso größere innere Aktualität haben aber daher Überlegungen, wie sich Akademiker in der Kirche neu verstehen sollten und könnten. [5]

3. Die programmatischen Texte zur Katholischen Aktion. In ihr hatte der KAV immer eine wichtige Funktion. Dieses kirchliche Biotop unseres Verbands ist von den Vordenkern anders konzipiert gewesen als wir es jetzt kennen. Eine klassische Formulierung lautete ja: „Katholische Aktion ist gemeinsamer Dienst von Priestern und Laien.“ [6]

Um zu verstehen, was sich diesbezüglich geändert hat, kann man einen Text von O.Mauer von Anfang der 60er Jahre lesen[7]: Als Gliederung der Katholischen Aktion ist der Katholische Akademikerverband ein Teil des organisierten Laienapostolats unserer Zeit, das sich bewußt der kirchlichen Jurisdiktion unterstellt hat, nicht primär, um von der Kirche finanzielle Förderung und autoritative Unterstützung zu erhalten, sondern aus der Überzeugung, daß den Bischöfen eine acies ordinata von Laien zur Verfügung gestellt werden soll, die als einzelne und als Organisation sich ganz den Aufgaben der Kirche widmen wollen. Die bewußte Einschränkung der Freizügigkeit ihrer Entschlüsse, welche diese Laien damit auf sich nehmen, soll von den Bischöfen durch ein besonderes Vertrauensverhältnis und durch die Übertragung von Aufgaben quittiert werden. Dennoch kommt den in der Katholischen Aktion versammelten Laien Recht und Pflicht initiativen Denkens und Handelns zu.

Ich denke, das Vertrauensverhältnis, von dem die Gründer geträumt haben, hat sich nicht optimal entwickelt. Wenig Miteinander, mehr ein kühles Nebeneinander. Kaum je ein Auftrag.[8] Immerhin: Es ist die eine Existenzgrundlage des Verbands; die andere ist das freie Koalitionsrecht.

4. Die Kirchengeschichte der letzten 60 Jahre, die vom KAV bzw. von dem Segment der Kirche, in dem der KAV situiert ist, mitgestaltet wurde. Ein wichtiges Quellenwerk ist: „Kirche in Österreich 1918-1965“, hrsg. v. Hans Kriegl, Ferdinand Klostermann, Otto Mauer, Erika Weinzierl. 2 Bde, Wien 1966 u. 67.[9]

Eine Aktualisierung dieser Kirchengeschichte wäre wünschenswert, denn der größere Teil unserer Geschichte des KAV fällt nicht mehr in diese bis 1965 reichende Periode. Ein paar Stichworte aus dieser Geschichte möchte ich aufzählen:

(1) Die gesamtösterreichischen Katholikentage 1952, 1962, 1974 und 1983. Das waren höchst politische Ereignisse, wie man weiß. Der KT 1952: „Freiheit und Würde des Menschen“ z.B. hat die Ära Kardinal Königs grundgelegt. 1974: „Versöhnung“ war eine Antwort auf die 68er-Bewegung.

Wer hat eigentlich die jeweiligen Leitworte der Katholikentage eingebracht, d.h. die konzeptive Arbeit geleistet? – durchwegs Personen aus dem KAV.[10]

(2) Die Vorbereitung, Begleitung und Umsetzung des 2. Vatikanischen Konzils hat der KAV mit Begeisterung mitgetragen. Es ist nicht zu viel gesagt, daß der Geistliche Assistent Otto Mauer sich in diesem Jahrzehnt des Konzils bis zur völligen Erschöpfung eingesetzt hat. Die Identifikation mit dem Vaticanum 2 ist im KAV nie in Frage gestanden.

Legendär die Wort-und-Wahrheit-Umfrage „Was erwarte ich vom Konzil?“ Mit einer neuerlichen Umfrage der Zeitschrift Quart wurde vor drei Jahren daran angeknüpft, woraus das Buch: „Maßnahmen gegen den schiefen Turm“ [11]  entstanden ist.

(3) Die Diözesansynoden und der Österreichische Synodale Vorgang 1973/4. Leute des KAV haben dabei ein effizientes Netzwerk gebildet, um vorbildliche pastorale Leitlinien durchzusetzen.  Daß die Umsetzung dieser bedeutenden Beratungsvorgänge den Erwartungen nicht entsprochen hat, steht auf einem anderen Blatt.

(4) Die ORF-Studienprogramme „Wozu glauben?“, „Wem glauben?“ und „Warum Christen glauben“ in den 70er Jahren. Zu den Autoren gehörten u.a. Strobl, Kraxner, Roeland, Kapellari, Zauner.

Welche Intentionen haben damals die Arbeit bestimmt? Nach meinen damaligen Notizen – ich assistierte Strobl bei der Redaktion – war das z.B.

Erhebung dessen, was im Volk lebt…  Ein starker Optimismus, daß das Christliche, wenn schon nicht „erlebbar“, so doch wenigstens „lebbar“ sei… Die Vermeidung des Anstoßes, ein Sprechen ohne Autorität, reines Angebot zur Stellungnahme, das Kommunikative des gemeinsamen Suchens, Sprechens, Fragens, Antwortens. Die perspektivische Betrachtungsweise – von Frage zu Antwort, von Antwort zum Weiterfragen.

Passt das nicht alles sehr gut zur Arbeitsweise des KAV – bis heute?

(5) Die Aktion Leben wurde hier in diesem Saal gegründet. Zu den Proponenten gehörten Walter Csoklich, HR Lehne und Prim. Müller-Hartburg.

(6) Es war im Rahmen des Papstbesuchs 1988, daß unser damaliger Präsident Prof. Fritz Schweiger das Wort an den Papst richten konnte, und das auch unmißverständlich getan hat:

„Wenn Eure Heiligkeit im Kölner Dom erklärt haben „Die Kirche wünscht eine selbständige theologische Forschung, die vom kirchlichen Lehramt unterschieden ist, sich ihm aber verpflichtet weiß im gemeinsamen Dienst an der Glaubenswahrheit und am Volke Gottes“, so impliziert dies wohl, daß Theologie als Wissenschaft zu begreifen ist, daß dort aber auch die gängigen Paradigmen und Methoden rationaler Argumentation möglich und gefordert sein müssen. Dies bedeutet, daß die innertheologische freie argumentative Auseinandersetzung Vorrang hat vor autoritären Maßnahmen. Kritik und Toleranz gehören zusammen!“[12]

Das sind nur 6 Details der österreichischen Kirchengeschichte nach dem 2. Weltkrieg.

Es gab weitere große Ereignisse wie die Kampagne für die Menschenrechte, das Lichtermeer; bei denen der KAV aktiv dabei war.

Eine 5., unverzichtbare Geschichtsquelle stellt die Chronik der eigenen Veranstaltungen, und das heißt, der Themen, die den KAV auf Österreich-Ebene und in den Diözesen bewegt haben und seine Bildungsangebote bestimmt haben, dar.

Im Lauf der Jahrzehnte haben sich die Akzente verschoben: Von den zwei beherrschenden Bewegungen der Zeit vor dem Konzil, nämlich Bibel und Liturgie, ausgehend, über Fragen der Gremialisierung und Themen der Pastoralkonstitution „Kirche in der Welt von heute“ in der Konzilsära, bis zum interreligiösen Dialog in unseren Tagen.

Was die äußeren Formen der Auseinandersetzung betrifft, sind das auf österreichischer Ebene v.a. die Sommertagungen, die seit vielen Jahren in Tainach und Stift Vorau stattfinden, und sowohl theologische als auch gesellschaftspolitische Themen aufgreifen. Als Ergänzung die Wintertagungen in Serfaus. Seit 1989 die Internationalen Tagungen, die der Begegnung mit den Nachbarländern dienen. In Kooperation mit anderen Institutionen wurden schließlich die Salzburger Hochschulwochen vom KAVÖ mitgetragen.

Ein reichhaltiges Programm während des ganzen Studienjahrs bieten die diözesanen Verbände. Wir alle erinnern uns wohl an die eine oder andere Sternstunde. Ich z.B. an jenes Streitgespräch zwischen F.Heer, K.Schubert, E.Weinzierl, unter Moderation O.Mauers, über Heers Buch: „Gottes erste Liebe“; oder die Universitätsvorträge mit Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar. Reinhold Schneider in seinem „Winter in Wien“ hat im Katholischen Akademikerverband gesprochen (und bedauernd vermerkt, auf Unverständnis gestoßen zu sein. Auch das gehört zu unserer Geschichte… Wir sind nicht die Avantgarde schlechthin, aber wir haben uns bemüht, uns bestmöglich zu orientieren.)

Es gab auch Konflikte, z.B. um eine Publikation zur Frage der Gesamtschule, Anfang der 80er Jahre.[13]

Die 6. Quelle: Leistungen einzelner katholischer Akademiker, die Epoche gemacht haben; auch sie gehören zur Geschichte des KAV. Wie könnte man da Friedrich Heers revolutionäre Sicht der Geistesgeschichte und seine wahrhaft christliche Position im Kalten Krieg, oder Kurt Schuberts Dynamik im christlich-jüdischen Gespräch unerwähnt lassen, Erika Weinzierls Stimme in der österreichischen Zeitgeschichte, die auch in der Tagespolitik immer wieder zu vernehmen war,  Hans Tuppys naturwissenschaftliche Leistung, sein unglaubliches ehrenamtliches Engagement in der Kirche und für die österreichische Wissenschaftspolitik, Gernot Eders Brückenschläge zwischen Physik und Theologie,[14] den Philosophen Fridolin Wiplinger ebenso wie die jetzt lebenden Philosophen Muck, Schmidinger usw., Werner Welzig als Germanisten und Akademie-Präsidenten? Der Politologe Heinrich Schneider[15], der Soziologe Erich Bodzenta, und viele andere mehr wären zu nennen.

In der Politik auf Bundes- und Landesebene können etwa Erhard Busek, Vinzenz Höfinger, Josef Krainer, Franz Fischler als bekennende KAV-Mitglieder bezeichnet werden.

Die Genannten sind Laien. Die Rolle der Geistlichen Assistenten als Helfer, Anreger, Provokatoren, darf nicht verschwiegen werden. „Priester, Mahner, Tröster“ steht auf Otto Mauers Grabstele. Ebenso wenig darf übersehen werden, daß es ein geistiges und geistliches Leben auch nach Mauer und Strobl gibt. Alois Kraxners Ordensspiritualität und Rationalität, von der sein jüngstes Buch wieder Zeugnis ablegt;  Werner Reiss – Ich möchte statt einer Würdigung (die ich mir gar nicht zutraue) einen Artikel von ihm zitieren, aus der actio catholica, der so ungemein erfrischend unfunktionärsmäßig, auf das Wesentliche konzentriert ist. Unter dem Titel: „Intellektuelle aller Länder, zerstreitet euch!“[16] Reiss schloß diesen Leitartikel mit der Ermutigung an die Adresse der Intellektuellen:

Euer Beitrag, eure Kompetenz sind erwünscht. Aber dies ist nicht der einzige Grund, warum ihr gefragt seid. Es gilt, die konkrete Hoffnung auf das Reich Gottes mit den Menschen zu erfüllen und zugleich in die Differenz zwischen dieser Gesellschaft und dieser Kirche – und dem Reich Gottes – schöpferisch einzutreten und so den Raum der Intellektualität auszuleben.

Eine ganze Reihe weiterer illustrer Namen ist auch hier zu nennen: von Bachler, Colerus bis Rombold und Zauner.

7. Im Lauf der Jahre gab es eine nicht leicht überschaubare Zahl wechselnder Initiativen, Arbeitskreise, Aktionen, die Spuren hinterlassen haben, z.B. die Ärztegemeinschaft, die über viele Jahre die Zeitschrift „Arzt und Christ“ herausgab; von der Gründung an Schuberts Bibelkreis mit reicher publizistischer Ernte[17], Arbeitskreise zur Strafrechtsreform, zur Universitätsreform (ich nenne nur Wiener Beispiele, die mir vertraut sind), Wolfgang Spitalers Arbeitskreis „3.Welt“, Margarete Primmers Aktion Lernhilfe für Migrantenkinder; bis in die jüngste Zeit: die „Fraueninitiative“ oder die interfakultäre Arbeitsgemeinschaft „Religionsphilosophie“. Nicht zu vergessen die von Anfang an gegebene Mitarbeit des Verbands in der internationalen PAX ROMANA Bewegung.[18] Verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht noch Wichtigeres übersehen habe.

8. Ohne benachbarte Initiativen für den KAV reklamieren zu wollen, muß doch erwähnt werden, daß vieles von Leuten des KAV mitgetragen wird:

* Der Otto Mauer Fonds und der von ihm verwaltete Kunst-Preis

   [zu Mauers Lebzeiten auch Pro Oriente]

* Das Forum St.Stephan mit seinen Symposien und Publikationen

* Das Studentenförderungswerk Pro Scientia,

* Das Netz initiativer Christen – das sind wohl die wichtigsten.[19]

Der KAV fungiert z.T. wie ein Flugzeugträger, auf dem aufgetankt werden kann.

Als 9. und letzte Geschichtsquelle muß ich auch noch das Milieu ansprechen, in dem bestimmte Fragen und Überzeugungen virulent geblieben sind. Es sind Chiffren des Einverständnisses; z.B. von John Henry Newman die Feststellung, die Heiligkeit der Schrift schließe nicht ihre Fehlerlosigkeit ein; von Rimbaud der Satz: „Es ist notwendig, absolut modern zu sein“. In Strobls „Notizen aus dem Nachlaß“ sind viele solche Chiffren dokumentiert. Die wirkmächtigste war wohl die von Romano Guardini: „Kirche erwacht in den Seelen“.

Das Milieu ist die entscheidende Geschichtsquelle, auf die es ankommt, ob diese Geschichte weitergeht. Wenn wir den Schatz nicht weitergeben, tut es niemand für uns.

Dieses Milieu ist weithin getragen durch persönliche Freundschaften. Nicht „Seilschaften“, sondern einfach Freude am Miteinander, die sich auch in gemeinsamen Ausflügen, Heurigenbesuchen, im informellen Gespräch nach jeder Veranstaltung ausdrückt.

Freude am Miteinander, die bis heute ihre Verankerung in der Eucharistiefeier bewahrt hat. In Wien zu Gaudete und Laetare, erfreulicherweise seit der Übernahme der geistlichen Assistenz durch Helmut Schüller wieder in der monatlichen Gemeinschaftsmesse, in der Michaelerkirche. In Linz dank Peter Paul Kaspar mit starker musikalischer Komponente. Auch in Graz, Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt ist das wohl so. 

Das wären also meine Quellen  für eine Geschichte des KAVÖ. Für die Interpretation dieser Quellen wäre sehr viel mehr heranzuziehen. (Ich denke da v.a. an die Pastoraltheologen Klostermann, Zauner und deren Schüler.)

In einem Rückblick, den Karl Strobl vor 30 Jahren formuliert hat, [20] steht der Satz:

„Wenn eine Anzahl von Personen sich mit wahrheit- und werterfüllten Ideen identifiziert, dann ist eine Ausgangssituation für größeres Geschehen gegeben. Dann kommt es zu spontanen Handlungen. Die Ideen erweisen ihre Kraft.“

Wenn Sie mir noch ein Wort zur jüngsten Geschichte erlauben:

Anläßlich des 50-jährigen Bestehens der Katholischen Aktion habe ich geschrieben, [21] in der zurückliegenden Epoche seien „deutliche Lebenszeichen im Zusammenspiel von eigenverantwortlicher Laieninitiative und kooperationsbereitem (oder bloß gewähren lassendem) Klerus und Episkopat“ festzustellen, und behauptet, daß sich die Katholische Kirche in ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit konsolidiert, jedenfalls an Realismus der Situationseinschätzung gewonnen habe.

Inzwischen ist in Wien und anderswo manches passiert, das uns besser erspart geblieben wäre; dessen Sinn uns der Heilige Geist zumindest noch nicht ganz erschlossen hat. Sie wissen, es gab Tendenzen, die das Selbstverständnis des KAV als Areopag, als Forum, in Frage stellten, und auch die ökonomische Basis wurde existenzbedrohend reduziert, was nicht ohne Konfrontation abging, einmal sogar zu einem Rücktritt des Präsidenten (Josef Donnenberg) führte. Die Plattform „Wir sind Kirche“ ist ebenso eine Folgeerscheinung jener Turbulenzen wie der „Dialog für Österreich“ in Salzburg von 1998. Er gehört zu den Erfahrungen im kirchlichen Leben, die ich nicht missen möchte.[22]

Für die ehrenamtliche Leitungsgruppe und das Sekretariat des KAV gibt es seit über einem Jahrzehnt einen Rechtfertigungs- und Innovationsdruck, um es positiv zu sagen, der viel abverlangt. Und wir haben viel erneuert, sind neue Wege gegangen, von der Renovierung dieser Räume (1090, Währingerstraße 2-4) angefangen, bis zu neuem Selbstverständnis und zur Präsentation im Internet.

Wir unterlagen gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen, die man bedauern oder als Zeichen der Zeit und positive Herausforderung zur Kenntnis nehmen mag. Als Freund der stoischen Ethik meine ich: Es war richtig, sich auf das zu konzentrieren, was „in unserer Macht“ steht.[23] (Es stünde noch viel mehr in unserer Macht!)

Von unserem seinerzeitigen Referatsbischof, Weihbischof Schönborn, haben wir zwei unterschiedliche Weisungen erhalten: Widerstand gegen den Zeitgeist zu leisten, und die Fußspuren Christi in dieser Weltzeit zu erkennen. Das erfordert die Gabe der Unterscheidung der Geister, und das erfordert Mündigkeit.

Damit ist angedeutet, was unser Erbe, und was unser Auftrag ist.

Mein Fazit aus 60 Jahren Katholischer Akademikerverband lautet: Romano Guardinis Prophetie: „Kirche erwacht in den Seelen“ steht immer noch im Raum, ist dabei, sich zu erfüllen. Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang. – Mit dem schönen Vers Giuseppe Ungarettis: „Alles ist begonnen und nichts ist vollendet“.[24]

 

[1] „Woran wir leiden“ heißt ein Erika Weinzierl gewidmetes Buch, das Peter Pawlowsky und Erika Schuster 1979 im Auftrag des KAVÖ herausgegeben haben.

[2] Der „Bund Neuland“ kann als Vorschule bezeichnet werden.

[3] Salzburg 1947.

[4] Fühlen wir uns diesem Erbe noch verpflichtet? Zum Ende des „Literarischen Forums“ sollte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

[5] Der Artikel Kapellaris ist übrigens eine einsame Ausnahme, was das amtskirchliche Interesse an so etwas wie Akademikerseelsorge betrifft.

[6] Prospekt „KA – was ist das?“ von 1972.

[7] Unter der Überschrift: „Zur Programmierung des Katholischen Akademikerverbandes“, in einer Organisationsmappe.

[8] Das Auseinandertreten einer christlichen Klerikerkultur und einer christlichen Laienkultur (vgl. Otto Brunner, Neue Wege zur Sozialgeschichte, 1956) hat sich weiter fortgesetzt und konnte auch nachkonziliar nicht wirklich korrigiert werden.

[9] Gibt es dazu ein Nachfolge-Werk? Ich kenne nur das schmale Bändchen „Kirche in Österreich. Berichte, Überlegungen, Entwürfe“, hrsg. v. Theodor Piffl-Percevic, Graz 1979, zurückgehend auf den 5-Jahres-Bericht, den die Bischöfe Österreichs 1977 beim Ad-limina-Besuch Papst Paul VI. überreicht haben.

[10] 1952: „Freiheit und Würde des Menschen“ – ist im Gespräch von Mauer, Strobl und Tuppy entstanden.

1962: „Löscht den Geist nicht aus“ – hat Strobl, eine Predigt Jachyms aufnehmend, vorgeschlagen. Das Thema hat weit über Österreich hinaus gewirkt und auch (vermittelt durch Kardinal Bea) Papst Johannes XXIII  beeindruckt.

1974: „Versöhnung“ – ebenfalls Strobl; bekanntlich hat es Paul VI. dann auch für das Heilige Jahr 1975 gewählt.

1983: „Hoffnung leben – Hoffnung geben“ – Alois Kraxner, der Geistliche Assistent des Wiener Verbands nach Strobl.

[11] Peter Pawlowsky (Hg.), Maßnahmen gegen den schiefen Turm. 87 Impulse zur Aufrichtung der Kirche, Klagenfurt 2005².

[12] Siehe actio catholica 1988.

[13] Ein eher skurriler Konflikt war der um den von manchen geforderten, vom Vorsitzenden Mayerhofer aber verweigerten Ausschluß von DDr.Günter Nenning, was den Austritt einiger Herren zur Folge hatte.

[14] Es ist viel zu wenig bekannt, daß Tuppy und Eder in den 80er Jahren an den von Papst Johannes Paul II. initiierten sog. Castelgandolfo-Gesprächen teilgenommen haben, deren Dokumentationen im Zeitgespräch eine bedeutende Rolle spielen.

[15] Heinrich Schneider hat als Emeritus den Vatikan in der OSZE vertreten.

[16] actio catholica 1/83, 1.

[17] Z.B. in den Zeitschriften „Bibel und Liturgie“ und „Kairos“.

[18] Elisabeth Pomberger, Wolfgang Spitaler, neuerdings Theo Quendler sind äußerst engagierte Vertreter.

[19] Auch der Verein der Freunde der Katholischen Hochschulgemeinde gehört dazu.

[20] Karl Strobl, In experimentis volvimur. Rückblick auf Begegnungen – Vorschau und Erwartungen. Frühjahr 1978. 4-seitiges Typoskript.

[21] in: ReVisionen. Katholische Kirche in der Zweiten Republik. Hrsg. Fritz Csoklich, Matthias Opitz, Eva Petrik, Heinrich Schnuderl. Graz 1996, S. 292f.

[22] Einer der Moderatoren war übrigens damals Helmut Schüller. Ich habe das Protokoll geschrieben.

[23] Andere Gliederungen der Katholischen Aktion sind in den vergangenen Jahrzehnten arg geschrumpft; auch der KAV hat seinen Mitgliederstand nicht halten können, v.a. konnten nur wenige Jungakademiker für reguläre Mitgliedschaft gewonnen werden; aber die Zahl der „Freunde“ und Interessierten und die Teilnahme an den (ebenfalls zahlreicher gewordenen) Veranstaltungen sind gestiegen, und deren Qualität ist unbestritten.

[24] „Tutto e incipiato, ed niente e perfetto.” Die allerjüngste Vergangenheit würde ich, was die Weltkirche betrifft, so deuten, daß sie Zeichen eines – wenn auch sehr vorsichtigen – Wandels gebracht hat. Ich meine damit, daß Papst Benedikt von der Grundüberzeugung ausgeht, daß Religion vernunftgeleitet zu sein hat. Er weiß, daß es „Pathologien der Religion“ gibt, daß die Vernunft als ein „Kontrollorgan“ anzusehen ist, „von dem her sich Religion immer wieder neu reinigen und ordnen lassen muß“. [Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion. Herder Freiburg im Breisgau 2005, S.56.]

Ich glaube, das ist ein „Zeichen der Zeit“ für einen Akademikerverband; es gehört aber schon ins Ressort eines Zukunfts-Referats.

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