Jüdischer Friedhof in Safov &
Museum Humanum in Fratres
vom 2. Oktober 2021
„MIT VERLUST IST ZU RECHNEN“ so lautet der Titel des Filmes von Ulrich Seidl, der österreichisch-tschechische Grenzgänge beschreibt und dessen Drehorte wir beim diesjährigen Herbstausflug passierten. Im 1992 gedrehten Kinofilm erzählt Seidl in tristen Bildern vom Verlust der Heimat, der Grenze, vom Witwer Sepp aus Langau und von seiner angebeteten Paula aus Šafov (deutsch Schaffa), die er mit dem Fernglas über die Grenze beobachtet. Heute nach 30 Jahren erscheinen Grenze und Ort anders. Ohne Kontrolle, zwar mit einer Sondergenehmigung für Autobusse des Magistrates von Znaim, überquerten wir den nunmehr unsichtbaren Eisernen Vorhang. Nach wie vor sind die Felder im Vergleich zu Österreich riesig – nur ihre Eigentümer haben gewechselt. Statt den staatlichen Genossenschaften der Umgebung gibt es privatisierte landwirtschaftliche Güter mit der gleichen Größe, aber einem Zehntel der damaligen Arbeitskräfte, wie uns unser „Fremdenführer“ Pfarrer Brandtner aus Langau erklärt. Er erwartet uns schon bei Cafe, Tee und Kaminfeuer im Haus Sola, dem ehemaligen Wirtshaus von Šafov. Als langjähriger Nachbarpfarrer, Dechant und Buchautor kennt er die örtlichen Verhältnisse. Seit der Wende ist er selbst zum „Kapitalisten“ geworden, wie alte Schaffer Kommunisten bemerken. Sein Verein EUROSOLA hat drei baufällige Häuser in Šafov gekauft, restauriert und als Unterkünfte für österreichische und tschechische Schulklassen, Kurse, Ferienlager und Ausstellungen geöffnet. Am nördlichen Rand des Dorfes liegt der jüdische Friedhof, den er uns fachkundig erklärte. Auch hier ist er, der katholische Pfarrer aus der Nachbargemeinde, seit Jahrzehnten als Restaurator tätig und erklärt uns die Geschichte der Juden von Schaffa. Wenn ihn gelegentlich Schüler neugierig nach den seltsamen hebräisch/deutschsprachigen Grabsteininschriften fragen, sieht er darin schon kleine Früchte seiner Aufklärungs-und Versöhnungsarbeit. Im Bus drehen wir mit ihm noch eine Runde durch den Ort, er zeigt uns die Reste der jüdischen Gebäude, den Standort der Synagoge und begrüßt einige jüngere Menschen, die frisch gekaufte alte Häuser reparieren. Für die barocke katholische Kirche nach Plänen von Fischer von Erlach in der Mitte des Ortes hat er keinen Schlüssel. Doch die Reinigungsfrau öffnet gerade und will uns störende Touristen gar nicht einlassen.
Das Mittagessen nehmen wir im gepflegten Restaurant im Schüttkasten des Stiftes Geras, 10 km jenseits der Grenze, ein. Ein gewohnt freundlicher Asiate und sein Kollege in Lederhose und Janker servieren flott die vorbestellten Speisen. Hinterm perfekten Deutsch des einen Kellners vermute ich doch noch eine zarte slawische Sprachprise und frage ihn unsicher, ob er trotz Lederhose vielleicht ein Tschechoslowake sei. „Nein, nur mehr Tscheche – mit Lederhose als Dienstkleidung“, antwortet er mir.
Unsere nächste Station heißt Fratres, wieder an der Grenze, im nördlichen Waldviertel, südlich von Slavonice/Zlabing, das Museum „Humanum“ von Dr. Peter Coreth. Der asketisch anmutende 73jährige Politologe, Kunstsammler, Journalist Coreth betreibt hier eine anthropologische Werkstatt – die zweisprachige „Kulturbrücke“ (http://www.kulturbruecke.com/index.php/museum-humanum) und hat in seinem sanierten Gutshof seit 1997 tausende Objekte aus fünf Kontinenten zusammengetragen. Sein Rundgang mit verstehbaren Erklärungen zu ausgewählten Objekten aus aller Welt führt uns durch die ganze Menschheitsgeschichte. Für mich war es eine Überraschung bei der Ausflugsplanung, eine solche akademische Person und sein Forum für interkulturellen Dialog an einem so entlegenen Fleck des Waldviertels zu finden. Hätte Regisseur Seidl auch hier im Gutshof von Fratres gedreht, wär sein Film vermutlich anders ausgefallen und müsste „mit Gewinn ist zu rechnen“ heißen. Der alte Gutshof in Fratres ist zum Schauplatz von Veranstaltungen mit Musik und Tanz, Literatur, Architektur, Film und Humanwissenschaften geworden. Dabei stellt scheinbar Gegensätzliches interessante Fragen nach einem neuen und ganzheitlichen Menschenbild, das über Ökonomie und Eurozentrismus hinausgeht. So gesehen ergibt sich auch ein Brückenschlag von Šafov und Fratres zu unseren Veranstaltungen im Otto Mauer Zentrum in der Währingerstraße. Mit Gewinn, ist überall dort rechnen, wo Personen am Werk sind, die gewohnte Grenzen in Frage stellen und über Grenzen hinweg nach Antworten suchen. Solche „brennenden“ Personen konnten wir diesmal am Ausflug kennenlernen.
Hans Kouba, KAV-Vorstand und Reiseleiter
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