„Österreich ist meine Heimat“ – so beginnt Ludwig Adamovich seine Überlegungen zur aktuellen Situation in Österreich. Auf knapp 130 Seiten entwickelt er zu ausgewählten Bereichen nicht nur historische Bezüge. Er benennt mit großer Nachdenklichkeit Fehlentwicklungen, auch Bedrohungen im scheinbar so gefestigten Rechtsstaat Österreich. Der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofes nimmt u.a. auch Bezug auf die Einschränkung der Grundrechte in der aktuellen Corona-Krise und beschreibt unaufgeregt Zusammenhänge und Entwicklungen. Adamovich sieht vor allem im Populismus die größte Gefahr für unsere Demokratie. Interessant seine Hinweise, der Rechtspopulismus könnte über die europäische Ebene uns mehr und direkter erreichen, als dies gemeinhin diskutiert wird. Spannend der Abschnitt „Die Rolle der Kirche heute“. Ohne Umschweife bekennt der „teilpraktiziernde Katholik“ (c Adamovich): „Für mich ist das Gewissen ein Gottesbeweis, weil jeder andere Versuch, es zu erklären, gescheitert ist. Unser Gewissen gibt uns ein ganz intuitives Gefühl dafür, was richtig ist. Das ist auch das Ziel jeder Religion, uns zu zeigen, was richtig ist. Während aber Religionen oft von menschlichen und weltlichen Interessen bestimmt werden, gehört das persönliche Gewissen uns selbst.“ Da schreibt ein mündiger Christ, noch dazu in einer für einen Juristen bemerkenswert verständlichen Sprache.
Ludwig Adamovich
„Wo wir stehen“
Verlag edition a, Wien – 2020