Peter Pawlowsky über vier verstorbene Theologen
Bischof Weber machte am 23. März 2020 den Anfang. In den sieben Tagen darauf verließen uns drei weitere prominente Theologen. Der Tod hat uns ärmer gemacht; man kann aber auch sagen: Dass sie eine schwierige Zeitspanne überbrückt und durchgehalten haben, ist uns ein bleibender Gewinn.
Johann Weber (Jahrgang 1927), ebenso die drei anderen, die in den dreißiger Jahren geboren waren, hatten den Krieg überstanden und waren nach ihrem Studium Zeugen des Zweiten Vatikanischen Konzils geworden. Philipp Harnoncourt wurde 1972 Professor für Liturgiewissenschaft in Graz, Wolfgang Langer 1979 Professor für Religionspädagogik in Wien und Gottfried Bachl 1983 Professor für Dogmatik in Salzburg. Ihre Tätigkeit fiel in die Zeit des Pontifikats Johannes Pauls II., somit in jene Epoche, die von Konzils-Vergessenheit und Vatikanischem Zentralismus geprägt war. Die vier aber, denen wir nachtrauern, sind glaubwürdige Zeugen des Konzils geblieben und haben die Widerstandskraft der lokalen Kirche lebendig gehalten. Ausführliche Lebensläufe würden das belegen; hier müssen ein paar Schlaglichter genügen.
Als Johann Weber 1969 Grazer Bischof wurde, lief in Wien noch die Diözesansynode. Sein Vorgänger, Bischof Josef Schoiswohl, war zurückgetreten, weil er mit seinen konziliar geprägten Vorstellungen in Rom schon damals auf erbitterten Widerstand gestoßen war. Für Weber war immer das Gespräch wichtig: Als Kaplan der Arbeiterjugend, initiativ in der Ökumene und als Lösung kircheninterner Konflikte. Nach der Affäre Groër und dem Kirchenvolksbegehren von 1995 leitete er den „Dialog für Österreich“ (Bischof Schönborn war gerade erkrankt). Damit Stand Weber an der Wiege einer synodalen Zusammenkunft, wie sie bis heute immer wieder versucht wird. Aber Solidarität unter den österreichischen Bischöfen fehlte; insbesondere Bischof Krenn sorgte dafür, dass auch von Rom jede Verwirklichung der Beschlüsse unterbunden wurde.
1997 war Weber Gastgeber der „Zweiten Europäischen Ökumenische Versammlung“ in Graz. Philipp Harnoncourt vertrat die Stiftung „Pro Oriente“ in Graz. Er sammelte Geld für die Wiedererrichtung eines Gebäudes auf dem Berg Athos, das abgebrannt war. Mehr noch: Ihn empörte, dass sogar beim ökumenischen Treffen alle Teilnehmer/innen sich in ihre eigenen Kirchen zurückgezogen hatten, wenn es um den Empfang des Abendmahls ging. Harnoncourt rief ein „Eucharistisches Fasten“ aus. Er wollte damit deutlich machen, „wie sehr die Zersplitterung der Christenheit eine Sünde ist und der Buße bedarf.“
Ökumenische Zusammenarbeit war auch für Wolfgang Langer zentral. Sie ergab sich daraus, dass seine Religionspädagogik von einer engen Verbindung mit der Bibelwissenschaft geprägt war, wie sie für dieses Fach neu war. Dies befähigte ihn auch, eine Religionspädagogik gegen kirchliche Bevormundung entwickeln. 2003 sagte er in einem Vortrag: „Die zentralistisch-autoritäre Struktur der ‚vorkonziliaren‘ Kirche der Neuzeit hat dazu geführt, dass das (römische) Lehramt das Leben der Gläubigen weit über die notwendigen rechtlichen Bestimmungen hinaus durch ethische Einzelnormen zu regulieren trachtete.“
Freilich, die „vorkonziliare Kirche“ herrschte über zwei Pontifikate auch nach dem Konzil. Das verstand Gottfried Bachl am besten zur Sprache zu bringen. Er war der Dichter unter den Theologen, die uns verlassen haben. In seinen Büchern und Vorträgen stand „Der schwierige Jesus“ im Mittelpunkt. Denn die Tradition hat die zentrale Figur des christlichen Glaubens zum „lieben Jesus“ ohne Ecken und Kanten herabgewürdigt und damit seine wahre, anstößige, provokante Existenz schöngeredet.
Bachl war Geistlicher Assistent des KAV in Salzburg, Harnoncourt von 1980 bis 1997 in Graz. Und tatsächlich stehen diese beiden Figuren stellvertretend für alles, was den KAV ausmacht: Kritische Reflexion des Glaubens und eine selbstverantwortliche Haltung gegenüber der Kirche als Institution. Sie haben die Intentionen des Konzils durchgetragen; ohne Theologen wie sie wären wir um Jahrzehnte zurückgeworfen.