Bericht über den Vortrag vom 2. Oktober 2018 

Das Rosenkranzfest vom 7. Oktober 1938, zu dem rund 7.000 Jugendliche in den Wiener Stephansdom kamen, gilt als größte Manifestation gegen das NS-Regime. Zugleich aber sei die Erinnerung an dieses Ereignis samt der anschließenden Jugenddemo und der Erstürmung des Erzbischöflichen Palais durch NS-Schergen am Folgetag zu einem „Mythos“ kirchlichen Eingedenkens geworden, der heute ein Stück weit entmythologisiert werden muss. Das hat der Wiener Kirchenhistoriker Prof. Rupert Klieber bei einem Vortrag aus Anlass des 80. Jahrestages des Rosenkranzfestes am Dienstagabend in Wien unterstrichen. Neuere Forschungen würden ein differenzierteres Bild zeichnen, welches zugleich aber nicht den historischen Rang des Ereignisses schmälere, so Klieber bei seinem Vortrag im Wiener Otto Mauer-Zentrum.

Insgesamt könne das Rosenkranzfest als wertvoller „Akt geistigen Widerstandes“ verstanden werden, insofern es nach sieben Monaten NS-Herrschaft in Österreich tausenden katholischen Jugendlichen gelungen sei „für eine kurze Zeit den Nazis das Straßenmonopol zu entreißen, sie zu verhöhnen“, so Klieber. Insofern gleiche das Rosenkranzfest und die anschließende – ungeplante – Demonstration vor dem Erzbischöflichen Palais einer „religiösen Heldentat, von der die Jugendlichen ihr Leben lang zehren konnten“ – und die auch zur „internationalen Rehabilitierung“ Kardinal Innitzers nach dessen mit „Heil Hitler“ unterzeichneten Begleitschreiben zur „Feierlichen Erklärung“ der Bischöfe beigetragen habe. 
 

Tatsächlich müsse man bei historischer Detailbetrachtung zwischen dem eigentlichen Rosenkranzfest im Dom und der anschließenden Jugenddemo unterscheiden: So war das Rosenkranzfest öffentlich angekündigt und ein professionell vorbereitetes „Meisterstück der impliziten Regimekritik“, welches geschickt Zitate etwa aus der Rosenkranz-Enzyklika Papst Leos XIII. (1878-1903) zu Speerspitzen der Regimekritik umfunktionierte, so Klieber. Die Formulierung Innitzers – „Christus ist euer Führer“ – sei nur ein Teil dieser theologisch geschickt formulierten Kritik. Auch andere NS-Wendungen wie etwa „Kraft durch Freude“ habe Innitzer in sich verkehrt zu einer impliziten Kritik an den Nationalsozialisten: „Das Wort ‚Kraft durch Freude‘ hat einen tiefen Sinn. Das ist ein biblisches Wort. Das hat der Prophet Esra in einer schweren Zeit [den Israeliten] gesagt, als sie beschlossen hatten, wieder zum Herrn zurückzukehren“, zitierte Klieber aus der Predigt Innitzers.

„Regielücke“ führte zur Jugenddemo

Die anschließende Jugenddemonstration sei indes einer eher unprofessionellen „Regielücke“ geschuldet gewesen: So habe es keine klaren Anweisungen für die 7.000 aus dem Dom strömenden Jugendlichen gegeben, es hätten Lautsprecher auf dem Stephansplatz gefehlt und man habe seitens der Organisatoren die Dynamik der nach der Feier aufgekratzten Jugendlichen unterschätzt. Es sei zum Teil gewalttätigen und „strategisch unklugen“ Ausschreitungen gekommen, die wiederum den Angriff der NS-Schergen auf das Erzbischöflichen Palais am Folgetag motiviert hätten. „Hätten sich die Jugendlichen nach dem Schlusslied geordnet still aus dem Dom begeben, es wäre wohl nichts weiter passiert“, so Klieber.

Die Folge der Oktoberereignisse sei jedenfalls ein „Burgfriede“ gewesen, führte der Kirchenhistoriker weiter aus: Es habe „keine ähnliche kirchliche Provokation“ mehr gegeben, aber auf der anderen Seite auch „keine vergleichbaren tätlichen Angriffe mehr auf kirchliche Einrichtungen“. Daher könne man das Rosenkranzfest auch als eine „Episode“ bewerten, die bald schon von „brutaleren Übergriffen seitens der Nationalsozialisten überdeckt“ werden sollte, „die ohne überlieferten kirchlichen Kommentar blieben“ – etwa, als am 8. November 1938 Dutzende Synagogen im Land brannten.

Dennoch gelte es festzuhalten, dass die Kirche „zu keiner Zeit eine ‚Nazi-Kirche'“ gewesen sei. Sie habe vielmehr versucht, sich bietende Handlungsspielräume im Interesse einer Aufrechterhaltung der Seelsorge und des religiösen Lebens zu nutzen. Daher könne man das Verhalten kirchlicher Würdenträger weder als „Kollaboration“ noch als „Widerstand im eigentlichen Sinne“ bezeichnen, sondern vielmehr als „Loyalität mit Grenzen“ und als Versuch „jeden möglichen Spiel- und Freiraum eines ‚Sakristei-Christentums‘ offensiv zu nutzen“. 

Klieber über das Rosenkranzfest 1938 from Forum Zeit und Glaube Katholischer Akademiker/innenverband Wien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert