Eindrücke aus der Kriegssammlung der Wienbibliothek vom 1. Juli 2018

Der Historiker Gerhard Murauer präsentierte unter-schiedliche Schriftstücke, Drucksorten aber auch Kunstwerke aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Sie geben zum einen einen Einblick in die Lebens-bedingungen und die Stimmungslagen dieser Zeit, zum anderen dokumentiert diese Sammlung der Wienbibliothek auch die damals herrschende Kriegspropaganda. Während die Handschriftensammlung, die in erster Linie aus Kriegspost besteht, Aufschlüsse über die Beziehung zweier Welten – jener an der Front und die im Hinterland – gibt, dokumentieren patriotische Publikationen und Monographien die Militärgeschichte dieser Jahre.

Die Sammlungen geht auf den Wiener Bürgermeister Richard Weiskirchner zurück, der seine Beamten beauftragte, kriegsbezogene Dokumente und Gegenstände sämtlicher Einrichtungen der Stadt zu sammeln. Die Kriegssammlung – sie umfasst gegenwärtig ca. 14.000 Signaturen – ist jedoch nicht abgeschlossen. Immer wieder wird sie durch Schenkungen aus privaten Beständen erweitert. Zu den Drucksorten zählen Monographie, Zeitungsartikel, Plakate, Flugblätter, Karikaturen und Kinderbücher.

     

 

Zahlreiche Monographien stellen propagandistisch die Geschichte bzw. den Verlauf des Krieges als ruhmreichen Untergang der Monarchie dar. Zu den beschlagnahmten Werken zählt beispielsweise eine Ausgabe der Zeitschrift „Feinde ringsum“, in der die damals ostpreussische Stadt Ortelsburg, eine Partnerstadt Wiens, portraitiert wurde. Der Grund der Beschlagnahmung bestand darin, dass Ortelsburg bereits 1914 von den Russen eingenommen wurde und als gefallene Partnerstadt in einen zu positiven Licht erschien. Kinderbücher wie „Wir spielen Krieg“ zeigen Kinder in Uniformen und verdeutlichen den politischen Einfluß auf die Erziehung. Der Kauf von Kinderbüchern diente auch offiziell der Kriegsfürsorge.    

Der Kriegsverlauf veränderte die Stimmungslage im Hinterland. Diese ist auch an den verschiedenen Plakatsammlungen abzulesen. So zeigen jene Plakate, die zum Kauf von Kriegsanleihen aufriefen, dass sich auch die Motive und die Bildsprache änderte. Zwischen 1914 und 1918 konnte man acht Mal Anleihen mit unterschiedlicher Verzinsung zeichnen. Die ersten Anleihen sollten dem Land noch zum „Sieg“ verhelfen, andere Plakate zeigen bereits einen an der Front errichteten Schutzwall aus Münzen. Die letzten sprachen davon, dass der Kauf einen Beitrag zum Frieden leistet. Unter der Verwendung einer starken Opfersymbolik mit mythologischen Anspielungen trugen diese Werbungen auch zu einer starken Emotionalisierung in der Bevölkerung bei. Vor allem gegen Ende des Krieges sollten Kriegsanleihen sich auch auf die Heimkehr der Soldaten auswirken.

  

 
 

 

 

 

 

Viele Postkarten beschwören die Treue zu den Kriegsverbündeten – zu Deutschland in der Abbildung Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Franz Josef, zur Türkei und dem Königreich Bulgarien durch die Abbildung der Fahnen oder des osmanischen Sultans Mechmed V. Einer der bekanntesten Zeichner und Karikaturisten damaliger Kriegspropaganda war Theo Zasche. Von ihm sind zahlreiche Illustrationen erhalten, die das politische Zeitgeschehen auch satirische darstellten. Vom Feuilletonist Raoul Auernheimer wiederum ist eine Zeichnung vom einzige Besuch von Kaiser Franz Josef in einem Lazarett überliefert. Auch Kunstwerke, wie Radierungen des Malers Ludwig Hesshaimer bietet einen sehr persönlichen Blick, gesehen durch ein doppeltes Augenpaar, jenes des Künstlers und jenes des pflichtgetreuen Offiziers.

   

Die letzte Untergruppe der Kriegssammlungen umfasst das sogenannte Verwal-tungsschriftgut. Dazu zählen nicht nur der amtliche Schriftverkehr oder Verlautbarungen, sondern auch Lebensmittelkarten, Briefmarken, amtliche Approbierungen, Zertifikate, Erlässe des städtischen Bezirkschulrates aber auch Sprachreinigungsbehelfe. Diese sollten helfen, in die Alltagssprache einge-wandertes englisch- und französischsprachiges, weil feindliches Vokabular durch deutsche Begriffe zu ersetzten. Amtliche Zeugnisse beinhalten Kriegspropaganda oft in sehr subtiler Form, etwa wenn Abrisskarten oder Coupons mit einer britischen Flagge bedruckt sind. 

    

Absurde Auswirkungen des Krieges für das Hinterland:
Kriegsanleihen kaufen und Lebensmittelkarten einsetzen

 

Exkursion zum Jahresschwerpunkt
„1918/1938/1948: Umbrüche eines halben Jahrhunderts“

Mit freundlicher Unterstützung des

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert