In der Adventszeit des Jahres 1912 malte Emil Nolde ein ungewöhnliches Krippenbild von der Heiligen Nacht. Hier liegt das Kind nicht wie sonst üblich in der Krippe, sondern es wird von der Mutter freudig in die Höhe gestreckt.  Es ist gerade ans Licht der Welt gekommen. Die Eltern sind außer sich  vor Freude über das neue Leben. Ich selbst habe Dankbarkeit und Gnadenhaftigkeit des Daseins niemals stärker empfunden als bei der Geburt unserer Kinder.

„Expressionistisch“ ist deshalb nicht nur der Stil, in dem Emil Nolde (1867-1956) im Rahmen eines neunteiligen Werkes mit Szenen aus dem Leben Christi die Geburt Jesu dargestellt hat. „Expressionistisch“ ist das Gefühl selber, das die Frau auf dem Bild ausstrahlt. Mit stolzer Freude hält Maria ihren gerade geborenen Sohn dem Stern entgegen, der am nächtlichen Himmel leuchtet. Es ist, als wollte diese glückliche Frau im Hochgefühl  ihr blutrosa Kind mit seinen noch nicht geöffneten Augen jener Macht anvertrauen, von der sie es gerade empfangen hat. Emil Nolde hat diesen Moment der unmittelbaren Freude festgehalten. In seinen Lebenserinnerungen hat er zu diesem Bild aufgeschrieben: „In jenen Tagen im Advent 1912 malte ich und malte, Tag und Nacht. Und ich malte die Heilige Nacht, der Stern leuchtend am Nachthimmel und Maria mit ausgestreckten Armen ihren gottgeborenen Sohn, das Jesuskind, haltend, in höchstem Mutterglück“. 

In Noldes Bild entdecke ich noch etwas:  als wollte Maria sagen: „welch ein hilfloses, gerade zur Welt gekommenes Menschenkind, das für sein ganzes Leben Schutz und Zuneigung nötig hat. Freut euch mit mir an diesem wunderbaren und doch schutzbedürftigen Leben!“ Es ist der Grundzug des Lebens, bedürftig zu sein. Das betrifft das beginnende, das leistungsstarke und scheinbar selbst bestimmte Leben – das betrifft das Leben auch dann, wenn die Lebenskräfte abnehmen.  Zum Leben gehört die Einsicht: Wir können nicht alles selbst herstellen, wovon wir leben. Nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nicht die Vergebung und Unversehrtheit.

Noldes Gotteskindbild mag für manche anstößig sein, für mich ist es eine lebendige Interpretation der Weihnachtsbotschaft. Neben den vielen romantisch-naturalistischen Krippenbildern in unseren Köpfen stellt es einen Augenblick des Ereignisses vor 2000 Jahren dar, der immer wieder stattfindet – Geborenwerden, Mutterwerden und Vaterwerden und das göttliche Kind – unser wahres Selbst – es will alle Jahre in der Seele des Menschen geboren werden. Wir dürfen zum Stall werden, in dem der Menschensohn geboren werden kann.

Mag. Hans Kouba

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