Bericht über den Vortrag von CHRISTIAN PINTER vom 15. November 2017
Der Domherr Nikolaus Kopernikus zögerte Jahrzehnte lang, sein neues Weltbild der Druckerpresse anzuvertrauen. Die Menschheit lebte damals ja noch in einem Kosmos, der tagtäglich um die Erde herumraste – mit all seinen Sternen, der Sonne und den Planeten. Die Erde ruhte vermeintlich völlig unbewegt im Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung. Kopernikus sah das anders: Bei ihm drehte sich die Erde, nicht der Kosmos. Die Erde war auch nicht mehr im kosmischen Zentrum fixiert, sondern lief um die Sonne herum. Diese unerhörte, neue Kosmologie stand in völligem Widerspruch zur Meinung praktisch aller Naturphilosophen der Geschichte.
Katholische Freunde drängten Kopernikus, sein Werk zu publizieren. Auch der Vorarlberger Protestant Georg Joachim Rheticus setzte sich dafür ein. Er war ein Protegé Philipp Melanchthons, und dieser wiederum ein prominenter Mitstreiter Martin Luthers. Die beiden Reformatoren erfuhren von den seltsamen Ideen des Nikolaus Kopernikus – und fanden sie absurd. Luther nannte zwei Psalmen und eine Stelle im Buch Josua, die bei wörtlicher Auslegung Kopernikus zu widersprechen schienen.

Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) und sein Modell des heliozentrischen Weltbildes
Endlich überzeugte Rheticus den Astronomen, seine Kosmologie zu publizieren. Sie erschien im Mai 1543 unter dem Titel „De revolutionibus orbium coelestium“. Im selben Monat starb Kopernikus.
In den nächsten sechs Jahrzehnten galt sein Weltbild den meisten Gelehrten bestenfalls als Hypothese, als Gedankenspielerei. Das änderte sich ab 1610, als Galilei seine Himmelsbeobachtungen mit dem jungen Fernrohr veröffentlichte. Sie bewiesen das kopernikanische Weltbild zwar nicht wirklich – dennoch wandelte es sich nun von einer reinen Hypothese zu einem recht plausiblen Modell der Wirklichkeit.
Katholische Theologen zitierten nun die gleichen Bibelstellen wie einst Luther. Galilei versuchte, die Widersprüche zur Heiligen Schrift aufzulösen. Er forderte dazu auf, die entsprechenden Bibelstellen neu zu interpretieren. Doch für die Theologen stellte sich die Situation so dar: Nach den Lutheranern und den Calvinisten schickten sich jetzt auch noch Naturphilosophen wie Galilei an, Bibelstellen neu und eigenmächtig auszulegen!
1616 verbot Papst Paul V., die kopernikanische Lehre weiter zu verbreiten. „De revolutionibus“ musste „verbessert“ werden: Die inkriminierten Stellen wurden überklebt und durchgestrichen – oder mit dem handschriftlichen Zusatz versehen, dass es sich dabei bloß um Hypothesen handle. Als Galilei später frech gegen das Dekret von 1616 verstieß, beschuldigte man ihn der Ketzerei. Unter Papst Urban VIII. wurde er von der Inquisition zu lebenslangem Hausarrest verurteilt.

1725 fand man den ersten unumstößlichen Beweis für die Bewegung der Erde. Dennoch blieben kopernikanische Werke bis 1835 auf dem Index der verbotenen Bücher. Später söhnte sich die katholische Kirche mit Kopernikus aus: 1973 zierte sein Portrait sogar zwei Briefmarken der Vatikanischen Post. Galileo Galilei wurde 1992 von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert – 350 Jahre nach seinem Tod.
In seinem astronomiegeschichtlichen Lesebuch „Helden des Himmels“ geht der Vortragende Dr. Christian Pinter ausführlich auf die kopernikanische Wende ein. Der Autor ist Wissenschaftsjournalist und erhielt 2002 den Würdigungspreis für wissenschaftlich fundierte Publizistik des Kardinal-Innitzer-Studien-fonds von Kardinal Christoph Schönborn überreicht.
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