Führung durch Perchtoldsdorf vom 2. Juli 2016

 

 

 

 

Das Historiker-Ehepaar Brigitte und Rudolf Biwald führte eine Gruppe Geschichtsinteressierter auf noch unbekannte Spuren jüdischen Lebens in Perchtoldsdorf. Ausgangspunkt war die Besichtigung der Gedenkstätte im Zellpark des Ortes. Eine Bronze-Skulptur der österreichisch-israelischen Künstlerin Dvora Barzilai, die im Juni 2015 feierlich enthüllt wurde, erinnert dort an die doppelte Vertreibung und Ermordung jüdischer Familien: jener von 1420/21 und der von 1938-1945:

                                   

Seit 1377 ist die Ansiedelung einer jüdischen Gemeinde in Perchtoldsdorf nachweisbar. Sie hatte damals bereits erheblichen Anteil am wirtschaftlichen Wohlstand des Ortes. Aus dieser Zeit stammt auch die Synagoge und die daran angeschlossene Mikwe, die sich im Bereich der heutigen Wiener Straße 9-13 befanden. 
Die sogenannte „Wiener 
Gesera“ durch Herzog Albrecht V. (1420/21) führte dann zur völligen Vernichtung dieser Gemeinde. Erst ab dem 17. Jhdt begann sich wieder jüdisches Leben im Ort zu entwickeln. Da Juden aufgrund des Toleranzpatent von Josef II. immer noch vom Grunderwerb ausgeschlossen waren, kümmerten sie sich um die soziale, medizinische und gesundheitliche Versorgung im Ort. Namen jüdischer Ärzte (Gorlitzer, Natzler, Damaschek) prägen die Perchtoldsdorfer Chronik.

 

 

Der Rundgang führte durch den Zellpark zur Gartenanlage des barocken Knappenhofs. Im 19 Jhdt. entstand dort – unweit des einstigen mittelalterlichen Tauchbades (Mikwe) – die Schwimm- und Badeanstalt „Herkulesbad“ (später auch „Zellbad“ genannt). Die groß angelegten Bassins wurden vor allem von wohlhabenderen Juden zur Sommerfrische genutzt. Im Knappenhof selbst ist heute die Franz-Schmidt-Musikschule untergebracht.

Über die Wiener Straße, die sich zum Zentrum der jüdischen Siedlung entwickelte, ging es zur gotischen Spitalskirche. Angereichert mit geschichtlichen Details und Anekdoten (etwa über Mozarts Sohn, der hier das ehem. Privaterziehungsinstitut in der Wiener Str. 30-32 besuchte) bekamen wir interessante Einblicke in einen bislang noch wenig bekannten Teil der Perchtoldsdorfer Ortsgeschichte. Abgeschlossen wurde der Rundgang mit einer Besichtigung des spätmittelalterliche Wehrturms, dem Wahrzeichen der Marktgemeinde. Von der Nikolauskappelle waren zwar 148 Stufen zur mächtigen Steinkonsole des Turms zu bewältigen. Oben angelangt wurde man jedoch durch einen überwältigenden Ausblick in das Wiener Becken und in den Wienerwald belohnt. (Nähers zum historischen Perchtoldsdorf, klicke hier)

Der Kopf war also voll, aber der Magen leer und die Kehlen trocken. Beim Heurigenbesuch konnte auch dieses Problem gelöst werden.

 

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