„Vom sozialistischen Realismus zur (Post)Moderne“ vom 24. Jänner 2018 – ein Bericht

 

Die Bedeutung von Iwano-Frankiws’k für die Biennale ‚Impreza‘

Die Biennale ‚Impreza‘ war eine internationale Kunstausstellung, die vor allem Malerei, Skulpturen und Grafik zeigte und im Zeitraum von 1989 bis 1997 alle zwei Jahre in Iwano-Frankiws’k stattfand. Iwano-Frankiws’k ist die Hauptstadt des Iwano-Frankiwsk Gebietes in der Westukraine mit etwa 230 000 Einwohner. Die Universitätsstadt liegt im Karpatenvorland, das Teil der historischen Landschaft Galizien ist und etwa 140 km von Lemberg und etwa 600 km von Kyiv (Hauptstadt der Ukraine) entfernt. (Wien-Lviv etwa 780 km).

 

In der Zwischenkriegszeit gehörte die Stadt zu Polen, bevor sie nach dem Zweiten Weltkrieg der Ukrainischen Sowjetrepublik eingegliedert wurde.1962 wurde sie zu Ehren des Schriftstellers Iwan Franko in Iwano-Frankiwsk umbenannt. Es lebten dort Ukrainer (Ruthenen), Juden, Polen, Deutsche und andere Nationalitäten. Seit dem 19. Jhdt war Stanisławów auch ein jüdisches Zentrum. Um 1900 bildeten die Juden knapp die Hälfte der Bevölkerung der Stadt.

    Iwano-Frankiws´k um 1900 und in den 1980er Jahren

In den 1980 Jahren war Iwano-Frankiws‘k für Besucher aus dem Ausland kapitalistischer Ländern nicht zugänglich. Die ukrainische Kulturszene war in der Sowjetunion lange Jahre von allen internationalen Entwicklungen isoliert. Den Menschen fehlte nicht nur der Zugang zur neuen Ideen und intellektuellen Strömungen, sie waren auch vom einem Großteil des kulturellen „westlichen“ Erbes abgeschnitten – viele Werke westlicher Schriftsteller waren in der Sowjetunion nicht zugänglich.

Charakterisiert man die Zeit – die politischen Voraussetzungen in den 1980er Jahren –, so ist zunächst auf die Kontrolle jeglicher Meinungsäußerung in der Sowjetunion hinzuweisen. Von Bedeutung war auch die traumatische Erfahrung der 1930er Jahre, als in der Sowjetunion große Teile der ukrainischen Intelligenz ausgerottet wurden. In der Periode der Perestroika (ukr. perebudova, wörtlich „Umbau“) und Glasnost´ unter Gorbatschow wurde die staatliche Kontrolle etwas gelockert, was zu einer Stärkung der oppositionellen Kräfte auf allen Ebenen, so auch auf künstlerischer Ebene, führte. 

Zeitgenössische Kunst überwindet sozialistischen Realismus

Junge Künstler in Iwano-Frankiws´k versuchten damals aktiv sich von der (zwanghaften) sowjetischen Weltanschauung/Ideologie zu lösen. Ihor Pančyšyn, Mychajlo Vitušyns´kyj, Volodymyr Humennyj und Mykola Jakovyna hatten die Idee, eine Alternative zum offiziellen sowjetischen Kulturbetrieb zu schaffen. Damals fanden nur die sogenannten „geplanten“ Ausstellungen des Künstler-Vereins statt. Solche Ausstellungen waren wenig konzeptionell, hatten keinen künstlerischen Wert und dienten in erster Linie den Bedürfnissen des Sowjetischen Staates.

So entstand die Idee eine internationale künstlerische Ausstellung in Iwano-Frankiws’k zu gründen. Die Künstler waren gegen die politische Instrumentalisierung der Kunst und Kultur allgemein. Manche Künstler hatten doch die Möglichkeit ab und zu die künstlerischen Salons in den baltischen Staaten (Litauen, Lettland, Estland) zu besuchen, Kunstausstellungen zu betrachten und künstlerische Prozesse in Vilnius, Riga und Tallinn zu analysieren.

Ziele der Biennale: 1. Die bewusste Distanzierung vom sozialistischen Realismus. Der Rückgriff auf die habsburgische und Polnische Vergangenheit diente den Künstlern sich vom sowjetischen Erbe loszusagen. 2. Die Initiatoren der Biennale wollten zeitgenössische Kunst aus anderen Ländern in der Ukraine zeigen und umgekehrt – Ukrainische moderne Kunst Ihren Kollegen aus dem Ausland/Westen präsentieren. 3. Auf der Grundlage der Sammlung der Biennale war geplant, das erste Museum für zeitgenössische Kunst in der Ukraine zu schaffen. 4. Das zukünftige Museum sollte nicht nur ein Fond/Lager für moderne Kunst sein, sondern auch als Zentrum für neue Initiativen und Ideen in Malerei, Grafik, Skulpturen dienen.

Die Organisation der Ausstellung

Die Initiatoren der Ausstellung mussten einen Weg finden, Einladungen ins Ausland zu schicken und danach den Transport der Werke über die Grenze in die damalige UdSSR zu arrangieren. Dies wurde hauptsächlich durch bekannte Künstler in anderen Ländern gemacht, die die Informationen weiterverbreiteten. Briefe oder Pakete wurden zuerst in „befreundete“ Länder geschickt und von dort weiter in die „nicht befreundeten“ Länder.


Die Biennale ‚Impreza‘ in ihrer Gründungszeit

Darüber hinaus erhielten die Initiatoren der Biennale „Impreza“ Unterstützung von der Verwaltung der Kultur der Region. Mykola Tokarenko, damals der jüngste (33 Jahre alt) Leiter der Abteilung für Kultur der Iwano-Frankiws´k staatlichen Verwaltung, tolerierte die Initiative junger Künstler. Bei der nächsten Regionalversammlung der Kommunistischen Partei hat Tokarenko die internationale Kunstausstellung so dargestellt als ob die dem 50. Jahrestag der Wiedervereinigung der Westukraine mit dem Rest von Sowjet Ukraine gewidmet wäre.

Diese Widmung traf jedoch weder die Einladung noch die Plakate der Ausstellung. Die Frage von Polygraphie verdient besondere Aufmerksamkeit, da die Organisatoren der Biennale zu dieser Zeit keinen Zugang zu lateinischen Schriften hatten, um alle notwendigen Materialien auch auf Englisch zu drucken. So wurden die Schriften/Buchstaben aus ausländischen, illegal in die Sowjetukraine importierten Zeitschriften ausgeschnitten und aus den ausgeschnittenen Passagen die notwendigen Texte zusammengestellt und für das weitere Drucken und Verteilen neu fotografiert.

Über den Titel der Biennale

Die Organisatoren haben bemerkt, dass sie immer wieder ein polnisches Wort für die Beschreibung der geplanten Ausstellung verwenden. Daran sind auch die Folgen der polnischen und österreichischen Vergangenheit zu erkennen. Viele Begriffe aus der polnischen und deutschen Sprachen werden in den galizischen Städten immer noch verwendet. So entstand der etwas paradoxe Name „Impreza“, der auf Polnisch eine Ausstellung oder ein kulturelles Ereignis bedeutet.

Die erste Biennale „Impreza“ fand vom 31. Oktober bis 30. Dezember 1989 statt. Rund 400 Künstler aus 19 Ländern schickten über 3000 Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Assemblagen. Mehr als 700 Werken von 260 Autoren aus 17 Ländern und aus den acht Republiken der damaligen UdSSR – Belarus, Armenien, Georgien, Lettland, Litauen, Moldawien, Russland und der Ukraine – wurden für die Ausstellung ausgewählt.

Aktionismus bei der Eröffnung 1989

Die zweite Biennale fand von Oktober bis Dezember 1991 statt und war die größte aller Ausstellungen in Iwano-Frankiws´k. Der Hauptort der Ausstellung war „Gartenberg Passage“. Dieses Baudenkmal wurde 1904 unter dem Projekt vom Architektur-Büro Fellner & Helmer (auch Atelier Fellner & Helmer) gebaut. Wurde 1873 in Wien von den Architekten Ferdinand Fellner d. J. (1847–1916) und Hermann Helmer (1849–1919) gegründet und bis 1919 betrieben. Das Architekturbüro war auf den Bau von Theatern spezialisiert und insgesamt am Bau von 48 Theatergebäuden in Europa beteiligt. In Wien: Volkstheater, Wiener Konzerthaus, Akademietheater. Dieses Mal wurden rund 980 Werken von 600 Künstlern aus 45 Ländern auf der Biennale präsentiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert