MARTIN FIEDER, Universität Wien
Donnerstag, 19. November, 19 Uhr
Unsere politische Einstellung – links versus rechts – besitzt eine ausgeprägte moralische Komponente, polarisiert die Gesellschaft erheblich und ist zudem teilweise genetisch bedingt. All dies spricht für einen evolutionären Ursprung unserer politischen Einstellungen und damit auch unserer moralischen Überzeugungen. Tatsächlich zeigen Daten ein eindeutiges Muster: Sowohl Menschen weit links der politischen Mitte als auch weit rechts der Mitte hatten mehr Kinder als Personen mit moderaten politischen Einstellungen. Dieses U-förmige Muster spricht für einen evolutionsbiologischen Selektionsprozess, nämlich balancing selection. In der westlichen Welt hat sich dieses Muster jedoch dramatisch verändert. Mit der Verfügbarkeit moderner Verhütungsmittel weisen heute nur noch Personen rechts der politischen Mitte eine vergleichsweise hohe Kinderzahl auf. Der überwiegende Teil des drastischen Geburtenrückgangs in westlichen Gesellschaften geht dagegen auf den starken Rückgang der Geburtenzahlen links der politischen Mitte zurück. Dieser Trend könnte die langfristige politische Zusammensetzung der Weltbevölkerung zugunsten von Positionen rechts der Mitte grundlegend verändern.
Martin Fieder ist Professor für evolutionäre Demographie am Department für evolutionäre Anthropologie und ist Mitglied des Forschungszentrums „Religion and Transformation“ der Universität Wien. Er kooperiert unter anderem mit der Sektion Migration und Internationales des Österreichischen Bundesministerium Inneres.