Nichts Konkretes könne er über Beuys sagen und keine Interpretation seiner Kunstwerke könne er geben, meinte Otto Mauer eingangs in seiner „Rede über Joseph Beuys“ (1), die er 1967 bei der Eröffnung der ersten Museumsausstellung des deutschen Aktionisten in Mönchengladbach gehalten hat – ein Understatement, wie sich im Laufe dieser Rede herausstellen wird.
Für manche Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker dokumentiert diese Rede generell einen Höhepunkt der Mauer’schen Kunsttheorie. In neun Thesen grenzt der Wiener Kunstsammler und Mäzen Mauer darin, wie Herbert Boeckl sagt, „kontinuierlich sich vorwärts tastend, Kunst gegen die ‚triviale‘ Realität“ ab. Und Joseph Beuys ist für ihn wohl der beste Anlass, auf diese Weise Kunst neu zu definieren, dies zumindest zu versuchen, auf alle Fälle aber über die Aufgaben und Funktionen der Kunst insgesamt nachzudenken. Er hätte Mauer zu diesen prinzipiellen Überlegungen regelrecht provoziert. Das hat der deutsche Aktionist vermutlich schon 1966 bei der erstmaligen Ausstellung seiner Zeichnungen in der Galerie nächst St. Stephan und ein halbes Jahr später im Rahmen des 13. Internationalen Kunstgesprächs, bei dem er seine Aktion „Eurasienstab 82 min fluxorum organum“ aufführte.
Der Entdecker der Lüge alles Edlen
Alles was Mauer in dieser Rede so allgemein über Kunst sagt, sagt er auch über Beuys als Künstler. Seine Kunst orientiert sich am Faktischen, an der Existenz, an der Situation. Sie macht keine für alle Zeiten gültige Aussage, keine Wesensaussage über die Dinge und sage auch nichts über das „Ewige“ im Menschen aus: „Wenn Sie so wollen, können Sie alle diese Objekte wegwerfen. Sie könnten alle zerstört werden. Wir wollen es nicht wünschen, aber es wäre kein großes Unglück“, denn Beuys – so Mauer weiter – „beschäftigt sich mit dem Gemeinen, nicht im Sinn des Ordinären oder moralisch Defekten, sondern mit dem Gewöhnlichen. (…) De facto kann bei ihm alles Kunst werden. Es kann verfaultes Holz sein, es kann gewöhnliche Seife sein, X-beliebiges. Er neigt sich herunter zu den gewöhnlichen Dingen des Alltags. Er entdeckt damit die Lüge, die in allem Edlen oder angeblich Edlen vorhanden ist.“
Das Spirituelle, nicht das Materielle
Joseph Beuy adelt das Gewöhnliche dadurch, dass er in ihnen einen geistigen Anspruch sieht. Er verwandelt es durch seinen künstlerischen Griff und indem er es zu Artefakten macht. Otto Mauer sieht ihn, wenn man so will, auch durch eine theologische Brille: „(…) die Dinge werden von Beuys in den Rang des Geistigen, sogar des Spirituellen, herhoben. Man hat lange nicht geahnt, was alles Kunst sein kann und wessen sich Kunst bemächtigen kann. Es sind Kritzeleien (…), lächerliche Maschinen, Kinderzeichnungen, Irrenzeichnungen, Naives, Unbeholfenes, Triviales. Es ist also das Spirituelle und nicht das Materielle, das die Kunst ausmacht.“
Der Mystiker der Existenz
Macht dieser spirituelle Zug den Künstler gleich zum Mystiker? Gegen Ende dieser Rede geht Mauer auch darauf ein, indem er gleich sein Verständnis von Mystik darlegt. Joseph Beuys sei für ihn in erster Linie ein Visionär, einer, der die Realität sieht, indem er sich mit ihr auseinandersetzt und sich von ihr konfrontieren lässt. Auf diese Weise sieht Beuys sehr viel, auf diese Weise ist er ein Seher, aber kein Magier und auch kein Ekstatiker, weil er in seiner Kunst eben nicht versucht mit „Zeichen, Praktiken und Aktionen einen Hintergrund, den Seinsgrund und das Absolute in den Griff zu bekommen. Aber wenn Sie so wollen, ist er ein niederdeutscher Mystiker, so wie wir sie aus der Geschichte kennen, ein Mystiker der Existenz des Menschen, der weiß, dass die Existenz des Menschen mit dem Problem seiner Transzendenz verbunden ist.“
(1) Otto Mauer, Rede über Joseph Beuys; in: Wort und Wahrheit, Zeitschrift für Religion und Kultur 6, Jg XXV; Wien, November/Dezember 1970 (S. 509)
Anläßlich seines 100. Geburtstag zeigt das Belvedere 21 in Wien bis 13. Juni 2021 die Ausstellung „Joseph Beuy. Denken Handeln. Vermitteln“