Walter Reichel: Im Schatten der Proklamationen. Anmerkungen zum Gedenken an 1918 und 1938

Leitartikel des Sommerfolders 2018 

 

Die beiden Bilder zu Österreichs Wendejahren sind bekannt: Das eine zeigt geschätzte 150.000 Menschen, die sich zur Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich vor dem Parlamentsgebäude eingefunden haben - aufgenommen am 12. November 1918. Es ist das Ende einer Jahrhunderte alten Ordnung: Aus der Monarchie wird eine demo­kra­tische Republik, mit der sich aber kaum jemand identifizieren kann. Schon der Beginn ist schmerzhaft: Bei einem kommunistischen Putschversuch fallen Schüsse, zwei Menschen kommen im nachfolgenden Tumult ums Leben.

Auf dem anderen Bild sind ca. 250.000 Menschen auf dem Heldenplatz zu sehen, die Adolf Hitler zujubeln, als er vom Balkon der Hofburg den "Eintritt (seiner) Heimat in das Deutsche Reich" verkündet - 20 Jahre später auf-genommen. Beide Bilder zeigen jene Schlüs­selereignisse, die für einen Umbruch in der öster­rei­chischen Zeitgeschichte stehen: hier vom Ende des Ersten Weltkriegs und der Monarchie zur Neugründung Österreichs, dort der bewaffnete Ein­marsch der Deutschen Wehrmacht mit dem Ende dieser Republik und dem Beginn von Terror, Willkür und Mord durch die NS-Diktatur.

Im Schatten des jubelnden Heldenplatzes steht auch die Radioansprache von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg vom 11. März, in der er wenige Stunden vor dem Ein-marsch der deutschen Wehrmacht erklärte, "dass wir der Gewalt weichen". Er schloss die Rede mit den ergrei-fenden Worten "Gott schütze Österreich!". Ebenso geringe Beachtung findet der Widerstand während und nach dem sogenannten "Rosenkranzfest" im Stephans­dom vom 7. Oktober 1938. An dieser Jugendfeier, an der sich mehr als 7.000 Gläubige beteiligten, hielt Kardinal Theodor Innitzer am Ende der Hl. Messe eine Ansprache, in der er dem Allmachtanspruch des Regimes ganz bewusst eine christliche Wertehaltung entgegenstellte ("Nur einer ist euer Führer, euer Führer ist Christus"). Dies führte im Anschluss zu einer spontanen Manifesta-tion der Jugendlichen auf dem Stephansplatz, die sich in Sprechchören zur Kirche und zu Österreich bekannten. 

Insbesondere der März 1938 bedeutet eine tiefe Zäsur in der Geschichte unseres Landes. Erst die bitteren Erfah-rungen und das Trauma der NS-Herrschaft haben dazu geführt, den Glauben in dieses Land zu stärken und eine eigenständige Identität zu entwickeln. Wir haben auch lange benötigt um uns einzugestehen, dass Österreicherinnen und Österreicher in der Zeit von 1938-1945 nicht nur Opfer, sondern auch Täter waren. Die historische Forschung hat viel an Erkenntnis generiert, weshalb wir heute unsere jüngere Vergangenheit mit einem geänderten Geschichtsbewusstsein sehen können.

Die Schüsse am Tag der Ausrufung der Ersten Republik, das "Gott schütze Österreich!" und "Euer Führer ist Christus" im unmittelbaren zeitlichen Umfeld des "Anschlusses" zeigen, dass diese Umbrüche alles andere als glatt verliefen. Vielmehr geht mit allen Veränderungen, mit dem Wechsel von Systemen und politischen Kulturen ein Ringen zwischen Altem und Neuem einher. Am Beispiel dieser marginalisierten Erzählungen rund um 1918 und 1938 könnte das Gedenkjahr dieser Erkenntnis auch für gegenwärtige Entwicklungen Rechnung tragen.

Walter Reichel studierte Geschichte, Slawistik und Politikwissenschaft in Wien, Prag und Krakau. Er ist im Bundespressedienst des Bundeskanzleramtes tätig. Im Juni 2017 wurde er in den Vorstand des KAV-Wien gewählt.

Der Sommerfolder 2018 ist downloadbar: hier

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