Sebastian Pittl: Der Katakombenpakt - das vegessene Erbe des II. Vatikanums

Katakomben von Santa Domitilla Katakomben von Santa Domitilla

Es gehört vielleicht zu den Charakteristika des Christentums, dass sich seine eigentlichen Revolutionen meist im Stillen vollziehen, nicht vom Zentrum aus, sondern von den Rändern her. Diese Provokation ist schon angelegt in Jesus von Nazareth, der als Zimmermannssohn aus Galiläa nicht nur selbst eine Randfigur seiner vom römischen Weltreich geprägten Zeit darstellt, sondern sich auch in seinem Handeln vor allem den Ausgeschlossenen und Verachteten der Gesellschaft zuwandte.

Es mag daher auch nicht überraschen, wenn sich die eigentlich prophetischen Aufbrüche eines Konzils der Kirche, wie des Zweiten Vatikanums, eher an dessen Rändern, gewissermaßen zwischen den Zeilen, zeigen als in dessen Zentrum. Zu einem solchen „Randereignis“ der Konzilsgeschichte gehört der sogenannte Katakombenpakt. Er wurde am 16. November 1965, wenige Wochen vor dem Ende des Konzils, in den Katakomben von Santa Domitilla von 40 Konzilsvätern, großteils aus Ländern der sogenannten Dritten Welt, unterzeichnet und stellt trotz seiner Unbekanntheit auch in kirchlichen Kreisen eines der beeindruckendsten Zeugnisse der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts dar. In dreizehn Punkten verpflichteten sich die unterzeichnenden Bischöfe ein Leben in größtmöglicher Armut und Einfachheit zu führen, die Armen und Ausgegrenzten ihrer jeweiligen Diözesen in den Mittelpunkt ihres pastoralen Handelns zu stellen sowie sich auch auf gesellschaftlicher, politischer und internationaler Ebene für die Armen einzusetzen. Der Text beeindruckt durch seine stille Radikalität, die ohne anzuklagen deutliche und konkrete Optionen ergreift. So heißt es unter anderem:
„1. Wir werden uns bemühen, so zu leben wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt (vgl. Mt. 5,3; 6,33-34; 8,20).
2. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall -weder Gold noch Silber- gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen (vgl. Mk 6,9; Mt 10,9; Apg 3,6). […]
5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden. (Eminenz, Exzellenz, Monsignore...). Stattdessen wollen wir als "Padre" angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium entspricht. (vgl. Mt 20, 25-28; 23,6-11; Joh 13, 12-15) […]
 10. Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen, die der Würdes der Menschen- und Gotteskinder entspricht. (vgl. Apg 2,44-45; 4,32-35; 5,4; 2 Kor 8 und 9; 1 Tim 5,16).“[1]
Die Unterzeichner hatten sich bereits während des ganzen Konzils für eine Kirche der Armen eingesetzt. Als sie bemerkten, dass sich trotz einzelner Erfolge ihr Wunsch gesamtkirchlich nicht realisieren würde, beschlossen sie selbst mit ihrem Beispiel voranzugehen. Den 40 Erstunterzeichnern schlossen sich in der Folge 500 weitere Bischöfe aus der ganzen Welt an. Bei der Zweiten Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín erfasste dieser Geist schließlich einen ganzen Kontinent.
50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanum kann das Zeugnis der Bischöfe des Katakombenpakts in einer Zeit, in der die Kirche in ihr bisher größte Krise eingetreten zu sein scheint, auf prophetische Weise daran erinnern, dass jede Erneuerung der Kirche stets von den Rändern her begonnen hat.

Sebastian Pittl
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien.



[1]
Der vollständige Text in deutscher Übersetzung findet sich in: Concilium 4 (1977), 262-263 sowie in einer Übersetzung von Norbert Arntz im Internet auf der Seite: http://www.konzilsvaeter.de/referenzen/deutsch/index.html (letzter Aufruf: 26.06.2012). Wir folgen hier der Übersetzung von Norbert Arntz.

 

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